Staubkörner wie Diamanten
#1


Staubkörner wie Diamanten
   Fenris Everglade
am 01.01.1970


Fünfjährige und Sonnenschein

,,Aber … ich verstehe nicht …“ Die Sommerbrise ließ ihre blonden Strähnen tanzen als sie auf den letzten zwei Stufen des Herrenhauses stand und die Arme vor der Brust verschränkte. Fenris sah sie breit lächelnd an, dabei wippte er auf seinen Füßen vor und zurück und erinnerte sie an einen ungeduldigen Fünfjährigen.
,,Es ist eine Überraschung!“erklärte der dunkelhaarige Mann nicht zum ersten Mal, seitdem er ihr verkündet hatte das sie ihm folgen sollte. Ivoire tat es, natürlich tat sie es denn insgeheim, irgendwo tief drinnen fühlte sie sich im Gegenüber verpflichtet, immerhin hatte er sie befreit, ihr ein Leben geschenkt.
Ein Leben das sie nun seit gut einer Woche führte, sechs Tage waren vergangen seitdem er sie und die anderen jungen Frauen aus der Roten Mondfee befreit hatte, sie befreit hatte aus den Zwängen und Pflichten einer Prostituierten. Sie hatte in den vergangen Tagen kaum ihr Zimmer verlassen das Fenris ihr bereitwillig überlassen hatte, sie hatte es sich sogar aussuchen können. Ein Zimmer aus vier Flügeln des riesigen Herrenhauses mit dem sie vollkommen überfordert gewesen war, sie hatte einfach nur für sich sein wollen.
Sie hatte Zeit benötigt sich der Tatsache bewusst zu werden was Freiheit überhaupt bedeutete, was es für sie bedeutete und was sie überhaupt wollte, eines wusste sie aber mittlerweile relativ gut. Sie wollte bei Fenris bleiben, ganz gleich auch wenn sie sich ihm gegenüber verpflichtet fühlte, wollte es auch ein anderer Teil ihres Seins, ein Teil der langsam begann den Kopf zu heben wie ein schlafender Drache.
,,Fenris … ich mag keine Überraschungen!“ erklärte die junge Frau erneut, auch wenn es anscheinend nicht wirklich viel brachte, denn ihr Gastgeber lächelte sie nur wieder an, ergriff ihre Hände und zog sie die beiden letzten Stufen hinab. Sie standen sich nun gegenüber und sie musste den Kopf heben um ihm in die Augen blicken zu können.
,,Vertraust du mir?“ sagte er leise und Ivoire biss sich auf die Unterlippe, sie schluckte und nickte dann langsam bevor er ihr ein erneutes Lächeln schenkte und sie das Ziehen in ihrem Bauch spürte als sie apparierten.

Es war heiß, noch heißer als in Sardinen als sie die Augen wieder öffnete und für einen Augenblick geblendet wurde von der Sonne. Sie blinzelte und warf einen Blick zu ihrem Begleiter der das Lächeln anscheinend kaum aus dem Gesicht bekam, sie biss sich auf die Innenseite der Wange, denn der drang es ihm von den Lippen zu küssen schien fast übermächtig zu werden. Sie konzentrierte sich lieber auf ihre Umgebung als diesem nachzugehen.
Sie befanden sich Augenscheinlich in einer kleinen und schmalen Gasse, sie konnte aus einiger Entfernung das Rumoren einer Stadt hören auch wenn sie die Sprache nicht zuordnen konnte.
,,Wo sind wir?“ fragte sie leise und bemerkte kaum das er noch immer ihre Hand hielt. Fenris zog sie sanft an ihrer Hand und sie begann ihm zögerlich zu folgen, nur wenige Schritte später stand sie auf einem Platz voller Menschen, die allesamt ihrem Leben nachgingen.
,,Erkennst du es?“ erkundigte sich ihr Begleiter und sie zog eine Augenbraue hoch und schüttelte den Kopf ,,Nein … woher auch.?“ er sah wie seine Mundwinkel zuckte als er sich verschwörerisch zu ihr hinabbeugte.
,,Wir sind in Rom Ivorie … du brauchst ein paar vernünftige Kleidungsstücke, als das was du von diesem Ort mitgenommen hast!“
Die blondhaarige Frau blinzelte und ließ ihren Blick über den Ort schweifen, an den sie der Mann gebracht hatte, sie spürte wie ihr Mund trocken wurde ,,Ich … ich habe kein Geld … keine Galleonen, nicht mal einen Sickel!“ flüsterte sie, denn sie hatte schnell bemerkt das es kein Magischer Ort war an dem sie sich befanden.
,,Lass das meine Sorge sein, aber jetzt komm, ich kenne ein paar tolle Läden!“ und jetzt verstand sie, warum er aufgeregt wie ein Fünfjähriger gewesen war, denn es schien nichts anderes zu sein ihr Kleidung zu kaufen, als das er Geschenkpapier aufreißen würde. An ihren Lippen zupfte ein Lächeln als sich ihre Finger ineinander verschränkten und sie ihm durch das Gedränge folgte.



Staubkörner wie Diamanten

Das Maul der Stute war weich, als es gegen ihre Hand stupste und ihr ein leises Glucksen entlockte, bevor Ivoire das Stück getrocknetes Brot aus ihrer Tasche zog und es dem Tier anbot. Mittlerweile waren gute drei Wochen vergangen, in denen sie begonnen hatte, dass alte Herrenhaus und die umliegenden Ländereien zu erkunden und immer wieder auch etwas Zeit mit dem Hausherren verbracht hatte.
Fenris war wahrhaftig oftmals ein seltsamer Mann, aber sie fand ihn auf eine angenehme Art und Weise fast schon niedlich, das sie oftmals über seine Art zu Leben schmunzeln musste. Er hatte Wort gehalten und ihr jeglichen Freiraum gelassen den sie sich wünschte, sie bisher ebenfalls nie bedrängt und wenn er in seinen Fragen zu weit gegangen war, hatte er sich sofort entschuldigt und sich zurückgezogen.
Ivoire spürte selber das sie Zeit brauchte, Zeit um überhaupt erst einmal zu begreifen was geschehen war und was sie nun tun sollte oder gar konnte, welche Möglichkeiten ihr offenstanden.
Ihre Finger strichen noch ein letztes Mal durch die seidige Mähne des Tieres, bevor sie die Stallungen verließ und ihren Weg, über den Verschlungenen Pfad, zurück zum Herrenhaus suchte, dass sich in einiger Entfernung mächtig und dunkel erhob.
Sie hatte es sich in den vergangenen Wochen zur Gewohnheit gemacht, kurz nach Tagesanbruch einen Spaziergang rund um das Gelände zu machen, ihre letzter Abstecher waren dann meist die Stallungen an denen sie einen besonderen Gefallen gefunden hatte. Die Anwesenheit der edlen Tiere dort hatte eine Beruhigende Wirkung auf ihre noch immer aufgewühlten Gedanken und die Gefühle die sie noch immer nicht richtig erfassen konnte.
Es hatte noch immer etwas seltsames an sich wenn sie durch die weitläufigen Flure wanderte und sich immer wieder dabei ertappte, wie ihre Finger mit den kleinen Anhänger spielte der an der silbernen Kette ruhte die sie seitdem trug.
Die Kette die sicherstellte das ihr silberner Armreif, den Fenris noch nicht von ihr lösen konnte, ihr Schicksal besiegelte. Der kleine Stein, gefüllt mit Schwarzmagischer Macht war in diesen Augenblick ihrer Ruhelosigkeit wie ein warmes Gefühl in ihrer Brust, eine Erinnerung daran das sie zwar frei aber ebenso gebunden war, wie all die Jahre zuvor. Es mochte in gewisser Weise nichts anderes mehr sein als in der roten Mondfee, nur waren es keine Männer mehr die sie besaßen sondern die Magie selbst, ein fast schon trauriges Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln als sie die Stufen zum Herrenhaus hinaufstieg.
Die Luft war angenehm frisch noch nicht aufgeheizt von den Strahlen der Sonne die bereits an ihrer Haut leckten als sie tief den Geruch des Meeres einatmete der sie umgab wie die Arme eines Liebhabers.

Im Inneren des Hauses war es ruhig, der Duft nach Kaffee lag in der Luft und sie unterdrückte ein kleines Lächeln das sich in ihren Mundwinkeln festsetzten wollte, bei dem Bild das vor ihrem Inneren Augen erschien.
Fenris wie er in einem seiner ausgewaschenen Schlafanzüge in der Küche stand und Kaffee kochte, noch mit vom Schlaf zerzausten Haaren und einer schief sitzenden Brille im Gesicht. Der Anblick war seltsam Liebenswert gewesen und hatte ihr Herz einen, ihr fremden, Ruck geben lassen.
Es war das Bellen eines Hundes das sie Innehalten ließ, eigentlich hatte sie in den Südflügel gehen wollen, zurück in ihr Zimmer das einen wunderschönen Blick auf das tosende Meer bot.
Langsam folgte sie den Geräuschen die aus einem der oberen Stockwerke drang und sie schließlich einen weiteren, schier endlosen Gang entlang schreiten lies, bis sie an einer offenen Tür stehen blieb.
Staubwolken wurden von der Sonne in tanzende Kristalle verwandelt als sie die angelehnte Tür ein wenig weiter öffnete um einen Blick in das Zimmer zu erhaschen.

Der Boden war aus dunklem Eichenholz, die großen Fenster waren weit geöffnet worden um die frische Morgenluft hereinzulassen. Das Fell von Lucien schien in den frühen Strahlen der Sonne zu schimmern wie frisch gesponnenes Gold als er mit einem begeisterten Hecheln auf sie zugelaufen kam, fast sofort strichen ihre Finger durch sein weiches Fell als sie den Blick hob und Fenris erblickte.
Er sah, schrecklich aus, entschied Ivoire als sie ihre blauen Augen über ihn schweifen lies. Sein Haar war zerzaust und vollkommen durcheinander, Spinnweben hingen darin und seine Brille saß schief auf seiner Nase. Er hatte Schmutzflecken im Gesicht und an der Kleidung aber er schien irgendwie … zufrieden.
,,Was tust du hier?“ erkundigte sie sich nach einigen Augenblicken des Schweigens und trat tiefer in den Raum hinein, sie runzelte ein wenig die Stirn als sie ordentlich aufgereihte, weiße Leinwände in einer Ecke entdeckte und daneben unzählige, noch verschlossene Kisten und Kartons.
[Bild: ivoireavatarp4kkw.png]
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